"Die Stadt gehört uns wie jedem anderen"
Braucht Frankfurt ein Gesetz, das die Punks aus der City verbannt? / Im Römer und auf der Zeil ist man weiter uneins
Die CDU im Römer will gegen die Punks auf der Zeil vorgehen, die ihrer Meinung nach die Innenstadt verschmutzen und Passanten belästigen. Ein neuer CDU-Antrag fordert eine schärfere Polizeiverordnung - und lässt einen alten Streit wiederaufleben.
VON STEVEN GEYER

Dornen im Auge der CDU (FR)
Frankfurt · 18. Mai · Platsch! Der 15-Jährige landet im Wasser, strampelt kurz - und sitzt triefend nass, aber grinsend, mitten im Brunnen. An ihm vorbei schlendern die Passanten auf einer der umsatzstärksten Einkaufsmeilen Deutschlands: der Zeil.

Der nasse Bursche hat grün gefärbte Haare, trägt Lederjacke und ein löchriges Shirt. Er nennt sich Wodka, und dank der "Brunnentaufe" gehört er jetzt dazu - zu den Punks, die sich täglich am Brockhausbrunnen in der Innenstadt treffen. "Die Taufe macht jeder mit, der neu dazu kommt", erklärt lachend Thomas, 26, seit Jahren ein Zeil-Punk. "Es ist unser kleines Ritual."

Auch die Frankfurter CDU belebt derzeit ein kleines Ritual - und Wodka, Thomas und ihre bunthaarigen Freunde spielen dabei die Hauptrolle. "Es wird warm, und damit tauchen die Probleme wieder auf", meint Stephan Siegler (CDU), Vorsitzender des städtischen Ausschusses für Recht und Sicherheit. Wegen der Punker gebe es am Brockhausbrunnen Bettelei, bellende Hunde und Schmutz - "eine wahre Belagerung". Also ging den Römer-Fraktionen dieser Tage ein neuer CDU-Antrag zu, der die "aggressive Punkerszene am Brockhausbrunnen auflösen" und dafür die Gefahrenabwehrverordnung verschärfen will.

Damit scheiterte die Union bereits mehrmals am Widerstand von SPD, FDP, Grünen und FAG, zuletzt 2003. Teile des CDU-Antrags wurden damals angenommen, etwa das Verbot von Kinder-Bettelei, aber die Punker-Vertreibung misslang. Seitdem hat sich wenig geändert. Eine aktuelle Studie ergab sogar, dass sich die Bürger auf der Zeil so sicher fühlen wie lange nicht.

Wieso trotzdem der erneute Vorstoß? "Wir wollen das Thema nicht einfach abhaken", sagt Siegler. Zumal die SPD Signale für einen Sinneswandel gegeben habe. Dort weiß man davon nichts: "Nach wie vor gilt: Politik gegen bestimmte Lebensstile ist mit uns nicht zu machen", sagt Ursula Busch, rechtspolitische Sprecherin der SPD. Die Punks am Brunnen seien harmlos. "Falls sie doch einmal Passanten belästigen, müssen eben Ordnungsamt oder Polizei eingreifen. Dafür reichen die bestehenden Vorschriften völlig. Der Ordnungsdezernent muss nur für ihre Umsetzung sorgen." So sieht es auch FDP-Stadtverordneter Yanki Pürsün: "Eigene Gesetze für 15 Punker auf der Zeil zu verabschieden, lehnen wir ab."

Grüne gegen Intoleranz

Die Punks selbst verstehen die Diskussion nicht. Das Ordnungsamt gängele sie bereits genug, obwohl sie auch an warmen Tagen kaum 20 Leute seien. "Das kann für eine 650 000-Einwohner-Stadt doch kein Problem sein", sagt Marci, 22, der fast täglich hierher kommt, "um Freunde zu treffen, ein bisschen zu reden und zu trinken. Die Stadt gehört uns genauso wie jedem anderen." Nebenan steht die Frankfurterin Isabelle Seppi. Sie nutzt die spärliche Sonne, um eine Shoppingpause einzulegen und ihre dreijährige Tochter im Brunnen plantschen zu lassen: "Ich habe da keine Bedenken. Die Punks stören mich nicht."

Die Grünen sehen es auch so und werfen der CDU Intoleranz vor. Vorstandssprecher Olaf Cunitz schreibt über seine Stellungnahme flapsig die Parole der Band Exploited: "Punk's not dead" - Punk ist nicht tot.

Aber er rieche komisch, findet Michael Maas, Filialleiter des T-Punktes gegenüber dem Brunnen. "Spätestens wenn Karstadt schließt, pinkeln die Punker in die Seitenstraße neben unseren Laden", sagt er entnervt. Auch seine Woolworth-Kolleginnen von nebenan fühlen sich belästigt: "Bei Regen sitzen die unter unserem Vordach. Und wenn sie betrunken sind, werden sie frech." Es bestehe "wirklich Handlungsbedarf", findet darum Frank Schmauß vom Anliegerverein Zeil Aktiv.

Im Ordnungsamt bleibt man skeptisch. "Die Beschwerden über die Punker sind immer pauschal", sagt Sachgebietsleiter Rainer Michaelis. "Nie zeigt uns jemand, wer denn die Flasche fallen gelassen oder in die Ecke uriniert hat." Nur dann könne Ordnungsgeld verhängt werden. Bis zu fünf Mitarbeiter laufen täglich Streife in der City, kontrollieren die Leinenpflicht für Hunde, nehmen Personalien auf, wenn jemand Müll hinterlässt. Auch Wodka wird wegen seiner Brunnentaufe verwarnt. "Allerdings baden im Sommer tausende Leute ihre Füße im Brunnen an der Oper. Wenn sie ihn nicht verschmutzen, kann man das kaum verbieten", meint Michaelis.

Im Brezelstand an der Hauptwache schüttelt Johann Riedel den Kopf: "Die Leute stören doch keinen. Da hat die Zeil ganz andere Probleme." Sie sei zu dreckig, Lampen und Bänke würden seit Jahren nicht gepflegt oder erneuert, überall seien Tauben. "Richtig verkommen ist die Zeil, früher war alles besser." Er dürfe das sagen: Seit 38 Jahren verkauft er hier seine Brezeln.

Auch Thomas vom Brunnen nörgelt: Den heutigen Punks fehle der Schwung. Früher verhandelten sie selbst mit dem Ordnungsamt, bekamen eine eigene Mülltonne, Bleiberecht und gründeten sogar einen Verein. "Damals war alles besser auf der Zeil", sagt Thomas. Er darf das sagen: Seine Brunnentaufe ist dieser Tage genau zehn Jahre her.



[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Dokument erstellt am 18.05.2005 um 18:32:28 Uhr
Erscheinungsdatum 19.05.2005