Landtagswahl

Sieger in spe

Von Claus-Jürgen Göpfert

Hahn und Westerwelle
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Hahn und Westerwelle
Sie lassen sich die gute Stimmung nicht vermiesen. "Es sind offensichtlich verschiedene Gegendemonstrationen organisiert worden", ruft Guido Westerwelle, als er mit knapp einer Stunde Verspätung das Rednerpult in den Römerhallen erreicht – und so launig, im Handstreich, erobert der FDP-Bundesvorsitzende das Publikum, das zu Hunderten, dicht an dicht, in drangvoller Enge steht.

Nein, auf dem Weg zur Regierungsmacht in Hessen will sich die FDP auch nicht durch Kundgebungen für eine bessere Bildungspolitik aufhalten lassen. In der Menge kursiert die jüngste FR-Umfrage, nach der die FDP bei 15 Prozent rangiert. "Wir müssen in Hessen ein verlorenes Jahr wieder aufholen", heißt die Parole von Landeschef Jörg Uwe Hahn, der an "die Freunde der Freiheit" appelliert, doch am Sonntag bloß ihre Stimme für die Liberalen abzugeben: "Sie dürfen sogar vorher in die Kirche gehen." Durch ein CDU/FDP-Kabinett in Hessen winke "eine Schlüsselposition im Bundesrat": Die große Koalition von CDU und SPD besitze dann dort keine Gestaltungsmehrheit mehr.

Und Sieger in spe haben viele Freunde. So steht denn beim FDP-Neujahrsempfang die gesamte Frankfurter CDU-Prominenz einschließlich der OB in der ersten Reihe – auch der Fraktionschef der Grünen im Römer, Olaf Cunitz. "Die OB in Gelb gekleidet, ich in Schwarz, das ist doch was": Westerwelle, der Witzige. Er geht es dann grundsätzlich an, spricht über die deutschen Schicksalsjahre 1949, 1969, 1989.

Gerade jetzt, in der Krise, in der Rezession, müsse sich das Land wieder auf seine Gründungs-Tugenden von 1949, "auf die Erfolgsrezepte der freien Marktwirtschaft" besinnen. Westerwelle wettert gegen "Tendenzen zur bürokratischen Staatswirtschaft": Erst habe der Staat "bei der Bankenaufsicht weggeschaut", um jetzt die gescheiterten Kreditinstitute mit Steuergeld zu päppeln: "Das bringt uns nicht weiter."

Da toben die Freunde der Freiheit, in den Römerhallen ist kaum ein Halten mehr. Von wegen "Steuersenkungen gleich Steuergeschenke"! Der FDP-Chef feiert sich und das Publikum: "Wir sind die Eigentümer der Steuereinnahmen – wir sind keine Untertanen, wir sind Staatsbürger!" Westerwelle wünscht sich "steuerrebellisches Bewusstsein" wie "bei den Bauernkriegen".

Und dann 1969: "Bildung als Bürgerrecht", mit der sozialliberalen Koalition endlich "die Verkastung durchbrochen". Er selbst, der Handwerkerssohn, habe davon profitiert, sei "von ganz unten nach ganz oben" gelangt durch die Öffnung des Bildungssystems.

Ja, die FDP ist an diesem Abend im Aufbruch. An den Stehtischen kreisen unter der Gluthitze der Fernseh-Scheinwerfer Wein, Bier, Brezeln, am Rednerpult reiht Jörg Uwe-Hahn ein kühnes Sprachbild an das andere: "Räumt das letzte Sandkorn weg, damit endlich der Ausbau des Flughafens begonnen werden kann." Da applaudieren auch die Herren von der Bundesbank ganz vorne.

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Dokument erstellt am 14.01.2009 um 21:12:42 Uhr
Letzte Änderung am 14.01.2009 um 21:42:38 Uhr
Erscheinungsdatum 14.01.2009

URL: http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/?em_cnt=1659795&em_loc=1234