Das Jahr im Ortsbeirat - eine Serie

Scherben im Kräuterfeld

VON JAN SZYSZKA

Elcke Winckler
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Elcke Winckler (Bild: FR/Grimm)
Treffpunkt Buchrainplatz. Elke Winckler will es so. "Das ist ideal. Von da kommt man überall schnell hin." Die neue Ortsvorsteherin des Ortsbeirates 5 kennt sich aus in Oberrad. Bis zur ihrer Wahl im Oktober als Nachfolgerin des Grünen Reinhardt Klapproth war ihr Wohnort auch ihr politischer Fokus.

Die 67 Jahre alte Sozialdemokratin, Mutter von vier Kindern, weiß aber: Bald wird sie auch heiße Eisen aus Sachsenhausen und Niederrad verhandeln müssen - das geplante Holbeinviertel und das Henninger-Areal, die Zukunft der Bürostadt oder die Parkplatznot an der Rennbahn. Der Jahreswechsel ist einer der letzten Momente, in denen sie die lokalpolitische Welt nochmal aus rein Oberräder Sicht betrachten kann.

"Hier hat sich in den letzten Monaten einiges getan", sagt Winckler. Von der Mitte des Stadtteils bis zu jenen Äckern, die Oberrad in der Historie als das "Gärtnerdorf"identifizieren, sind es nicht einmal fünf Minuten zu Fuß. "Typisch Oberrad", sagt Winckler während sie in den ersten Feldweg einbiegt. Ihr Schritttempo ist gemächlich, Fahrradfahrer kreuzen, Hundebesitzer führen ihre Vierbeiner Gassi. In der Ferne erhebt sich die Skyline. Winckler genießt die ländliche Idylle.

Ortsbeirat 5
Elke Winckler steht dem Ortsbeirat 5 seit Oktober 2008 voran. Die zweifache Großmutter, in Magdeburg geboren und mittlerweile seit mehr als 30 Jahren in Oberrad beheimatet, gehört dem Gremium seit 2002 an.

Neben ihrer politischen Arbeit engagiert sich Winckler im Vorstand der evangelischen Erlösergemeinde und der AWO. Der fünfte Bezirk umfasst Niederrad, Oberrad und Sachsenhausen - mit fast 90 000 Einwohnern einer der größten Bezirke der Stadt.

Sachsenhausen dominiert: Im Stadtteil der Brunnen und des "Stöffche" wohnen knapp 55 000. 2006 brach eine Koalition aus SPD, Grünen und FAG die traditionelle Vormachtstellung der CDU im Ortsbeirat, die aber mit sieben Sitzen immer noch stärkste Fraktion ist. Das sorgt dort immer wieder für Reibereien.
"Großstadt und Landleben" - der Gegensatz sei schon was besonders, sagt sie. Die Frage ist nur, wie lange noch. Zwischen S-Bahn-Trasse und Offenbacher Landstraße liegt einiges im Argen. Manche Gewächshäuser stehen leer, Scheiben sind eingeschlagen, Felder liegen brach. "Hier ist gerade alles im Umbruch", sagt die Ortsvorsteherin. Einen, der dafür steht, trifft sie hier und begrüßt ihn mit Handschlag: Großunternehmer Klaus Jung, der 2008 noch drohte, Oberrad zu verlassen, weil er dort im Grüngürtel keine neue Hallen bauen durfte. Das ist mittlerweile vom Tisch. "Schnittlauchkönig" Jung hat sich mit der Stadt geeinigt. Er wird bleiben. Für Winckler aber kein Grund zu frohlocken: "So wie ich Oberrad noch erlebt habe - mit auf den Feldern wachsendem Blumenkohl oder Lauch -, so wird es hier wohl nie mehr sein."

Dem Gärtnerdorf gehen die Gärtner aus


Denn dem Gärtnerdorf gehen die Gärtner aus. Einer von ihnen, der mit Winckler befreundete Hermann Jung, entfernt verwandt mit dem Schnittlauchkönig prophezeit eine düstere Zukunft. "Die Perspektive für uns Gärtner ist nur noch der Ruhestand." Sein Betrieb, immerhin 1700 Quadratmeter Anbaufläche in Gewächshäusern, will er spätestens 2015 aufgeben.

Von den einst mehr als 50 Familienbetrieben, die über Generationen Kräuter für die Grüne Soße oder Gemüse anbauten, sieht Jung in zehn Jahren nur drei Großbetriebe existieren. "Weggehen wird keiner. Die sterben einfach alle aus", sagt Jung. So auch in seinem Betrieb. Jung hat seinen Söhnen verboten die Gärtnerei zu übernehmen. Er macht den Laden lieber dicht. "Das bringt alles nichts mehr." Sinkende Umsätze.

Was das für Oberrad bedeutet? Elke Winckler wiegt den Kopf hin und her. Sie weiß, wegen Siedlungsbeschränkung, Fluglärm und Grüngürtel sind dort keine Neubauten zu erwarten. Aber: "Was soll hier sonst passieren, wenn die Gärtner weg sind? Ein riesiger Park? Schön wäre das ja, aber ein bisschen fehlt mir da der Glaube", sagt Winckler.

Ein ganz gegensätzlicher Glaube treibt die Befürworter eines S-Bahn-Anschlusses Oberrad an: Römer-FDP, IG Neue Wasserhofstraße und Projektgruppe S-Bahnstation sind sich sicher, dass die Bevölkerungszahl steigen könnte und deshalb die Station unbedingt her muss. Winckler, entschiedene Gegnerin der S-Bahn-Idee, kann dieVorstellung nicht von der Hand weisen. Schlupflöcher, so die langjährige Stadtteilpolitikerin, gebe es immer. "Wer weiß, was hier in zehn Jahren passiert."

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Dokument erstellt am 09.01.2009 um 14:32:01 Uhr
Letzte Änderung am 09.01.2009 um 17:21:40 Uhr
Erscheinungsdatum 10.01.2009

URL: http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/frankfurt/?em_cnt=1657002&em_loc=1706