Oberrad

Eine Sau zur S-Bahn getrieben

VON JAN SZYSZKA

Die Verunsicherung sitzt nicht nur bei den Oberrädern tief. Auch in der Politik hat die Diskussion um einen S-Bahn-Halt für Verwunderung - und vor allem für Kopfschütteln - gesorgt. Macht- und konzeptlos wirken die Stadtteilpolitiker. Im Ortsbeirat 5 war das jüngst zu spüren, als eine lange Debatte um einen an sich überflüssigen Antrag entbrannte.

Bis auf den Liberalen Uwe Schulz, der zu den S-Bahn-Befürwortern gehört, dominierten Zweifel und Ablehnung. Eine Kosten-Nutzen-Analyse (KNA) der Station, von der die Gegner sich eine solide Basis für ihre Kritik erhofften, fand dennoch keine Mehrheit. Die Sorge, falsch verstanden zu werden, war zu groß.

Überflüssig war das alles, weil jene KNA schon längst beim Magistrat angekommen ist. Im Römer haben CDU und Grüne vor sieben Wochen einen Antrag auf genau jene Berechnung eingereicht. Der Verkehrsausschuss winkte dies am späten Dienstagabend anstandslos durch.

Ein Ende der Unsicherheit bedeutet das nicht. Es könnten sechs Monate und mehr vergehen, bis eine KNA vorliegt. Das heißt: Die Diskussion über Sinn und Unsinn der S-Bahn-Station wird weitergehen. Im Sinne der Gegner ist das nicht. "Da wird alle paar Wochen eine neue Sau durchs Dorf getrieben", sagt Helmut Heuser, verkehrspolitischer Sprecher der Römer-CDU, in Anspielung auf die S-Bahn-Aktivisten. Allerdings: Ortsbeirat wie Magistrat hatten genug Zeit, die KNA zu beantragen. Schließlich spukt der Anschluss seit den 70er Jahren umher. Und auch nachdem Anfang 2008 die Befürworter durch PR-trächtige Umfragen initiativ wurden, blieb die Politik zögerlich.

Der Verkehrsgesellschaft Traffiq behagt die eigene Sprachlosigkeit ob fehlender Zahlen ganz und gar nicht. Traffiq-Sprecher Klaus Linek lässt aber immerhin eine negative Tendenz erkennen. Er betont zwar einen "ergebnisoffenen Prozess", sagt aber auch, dass das "funktionierende Nahverkehrskonzept für Oberrad (…) auf den Kopf gestellt wird". Für Linek birgt die geforderte Dreifachanbindung - bestehende Tram, neue Ringbuslinie und S-Bahn - die Gefahr, dass bei anderen Stadtteilen Begehrlichkeiten geweckt werden. "Stadtweit geltende, einheitliche Standards würden so über den Haufen geworfen werden."

Linek nennt zudem einen Ausschlussfaktor. Die von der FDP bei ihrer Umfrage "angebotene" Ringbuslinie sei nicht nur Alternative, sondern zwingende Bedingung. "Die S-Bahn würde Oberrad nur bis zum Buchrainplatz erschließen. Alles, was südlicher ist, läge außerhalb der für den Nahverkehrsplan-Radius geltenden Zone", sagt der Traffiq-Sprecher.

Den Ringbus hat die Stadt bereits rundheraus abgelehnt: Einen einstimmigen Antrag des Ortsbeirats schmetterte der Römer vor Monaten ab, da viele Oberräder Straßen "nicht für Linienbusse geeignet sind". Und 200 000 Euro pro Jahr sind auch nicht wenig für den halbstündig pendelnden Bus.

Verkehrsdezernent Lutz Sikorski (Grüne) wertet den Fall Oberrad auch ohne Zahlen als Bedrohung: "Für mich liegt dort ein Konflikt zwischen S-Bahn und Straßenbahn auf der Hand." Die Linien 15 und 16 hätten eindeutig Vorrang. "Ich werde die Straßenbahn in keiner Weise gefährden." Und liegt damit auf Linie des Verkehrsausschusses, der Dienstag den Erhalt der Tram festgeschrieben hat. FDP-Fraktionsvorsitzende Annette Rinn folgert daraus aber nicht das Ende der S-Bahn. "Wir wollen ja auch, dass die Straßenbahn bleibt. Die S-Bahn soll ein zusätzliches Angebot sein."

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Dokument erstellt am 29.10.2008 um 17:36:02 Uhr
Letzte Änderung am 30.10.2008 um 07:20:10 Uhr
Erscheinungsdatum 30.10.2008

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