24.01.2005
Die Piste wird freigelegt
Von Bernd Diefenbach

Mörfelden-Walldorf. 35 fleißige Helfer engagierten sich in der Bornschneise in der Nähe des Radarturms, um die Reste einer Betonbahn freizulegen: Die Helfer säuberten das Unterholz. Museumsleiterin Cornelia Rühlig, die nach Schilderungen von Zeitzeugen auf historischen Karten ein altes Parallelbahn-System entdeckte, hatte Zeitzeugin Magda Hollander-Lafon eingeladen. Sie war eine von 1700 jüdischen ungarischen Frauen, die im KZ-Außenlager Walldorf Zwangsarbeit für die große Piste (Rollbahn) leisteten.

Hollander-Lafon berichtete in französischer Sprache über ihre Erlebnisse im KZ, Malte Rauch übersetzte:. «Ich wurde in drei Monaten Facharbeiterin und wäre heute eine gute Schienenverlegerin», meinte sie. Die Zwangsarbeiterinnen wollten Botschaften nach draußen befördern. «Dieser Wunsch nach Kommunikation hat uns die Menschenwürde erhalten», so Hollander-Lafon. Deshalb hatten sie Konservendosen mit Botschaften im Wald versteckt, erinnerte sie sich. Die Zeitzeugin riet den Deutschen, sich nicht aus Schuldgefühl heraus für Versöhnung einzusetzen: «Überwinden Sie Angst und Schuld, damit etwas Neues geschieht.»

«Ich bewundere Sie dafür, dass Sie an diesen Ort zurück gekehrt sind, an dem Sie gepeinigt wurden», begrüßte Lutz Becht, Mitarbeiter des Frankfurter Institutes für Stadtgeschichte, die Zeitzeugin. Laut Becht gab es 1944 in Frankfurt insgesamt 25 000 Zwangsarbeiter. Das Ausmaß der Vernichtung werde nie völlig erforscht werden, da viele Spuren beseitigt worden seien. Das Institut habe in Frankfurt 40 000 Namen von Zwangsarbeitern entdeckt. «Wir überzeugten uns, dass die Entschädigungsgelder in Kiew und Prag ankamen, Moskau fehlt bisher leider», berichtete Becht. Auch 80 überlebende Jüdinnen des KZ-Außenlager Natzweiler hätten Geld aus dem Entschädigungsfond erhalten, darunter Hollander-Lafon. «Wir müssen die Geschichte kennen, um die Zukunft bewältigen zu können», meinte Bürgermeister Bernhard Brehl. Dafür seien Zeitzeugen wie Hollander wichtig. Brehl dankte der Fraport für die finanzielle Unterstützung .

Stets war bisher die Rede davon, dass in diesem Teil des Waldes früher nur Abstellplätze waren. Laut Rühlig hatte sie im Frühjahr 2004 klare Hinweise, dass dies nicht richtig sei. «Die Frauen berichteten, dass sie Wurzeln herausziehen mussten. Deshalb habe ich genau nachgeforscht und ein Parallelbahnsystem entdeckt, das die Frauen 1944 in drei Monaten realisierten», berichtete die Museumschefin. Sie geht davon aus, dass am heutigen Montag mit Radarmessgeräten die Bahnbreite, das heißt der linke und rechte Rand, ermittelt werden. Insgesamt umfasste das Parallelbahn-System drei Kilometer, die Bornschneise ist 800 Meter und die parallel gelegene Hohewart-Schneise 1,3 Kilometer lang.

Rühlig freute sich darüber, dass die 2004 gegründete Margit-Horvath-Stiftung, welche die Geschichte weiter aufarbeiten soll, weitere Stifter hinzu gewonnen hat. Sie überreichte Urkunden an Helga und Nik Schwarz, Isabelle und Ernst Knöß sowie an Magda Hollander. Auch die evangelische Kirchengemeinde Walldorf beteiligt sich mit 1000 Euro als Stifterin, Pressesprecher Peter Klug erhielt die Urkunde. Die Fraport AG, Helga und Michael Glanz, die Christliche Flüchtlingshilfe und der SPD-Ortsverein waren bereits Stifter.