18.01.2006
Kombilohn gibt es längst
Von Günter Murr

Frankfurt. 62 295 Frankfurter – fast zehn Prozent der Einwohner – erhalten Leistungen des so genannten Arbeitslosengeldes II. Diese Zahl nannte gestern Robert Standhaft, Geschäftsführer des Rhein-Main Jobcenters, im Sozialausschuss. Zu dieser Gruppe gehören nicht nur Arbeitslose. Auch Arbeitnehmer, die zu wenig verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, erhalten einen Zuschuss vom Jobcenter. Den in der Politik derzeit viel diskutierten Kombilohn (Arbeitseinkommen plus öffentlichen Zuschuss) gibt es demnach längst. Betroffen seien unter anderen auch Arbeiter, die bei der Stadt die Grünanlagen pflegen, sagte Standhaft. «Wenn sie drei oder vier Kinder haben, reicht das Einkommen nicht.» Laut Standhaft wird dieses Phänomen wegen der Zunahme von Teilzeitarbeit sowie Mini- und Midi-Jobs noch zunehmen. Es gibt auch die paradoxe Situation, dass Arbeitslosengeld II zusätzlich zum Arbeitslosengeld I gezahlt wird. Denn die Leistung aus der Arbeitslosenversicherung kann so gering ausfallen, dass sie nicht für den Lebensunterhalt reicht.

Ebenfalls in der Statistik enthalten sind rund 17 000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren, aber auch allein erziehende Mütter, die dem Arbeitsmarkt nur vorübergehend nicht zur Verfügung stehen. Unter den rund 45 000 Erwerbsfähigen, die das Jobcenter betreut, ist der Ausländeranteil mit mehr als 40 Prozent überdurchschnittlich hoch.

Die im Juli 2005 gegründete Arbeitsgemeinschaft aus Stadt und Arbeitsagentur zahlt Leistungen an insgesamt rund 35 000 Bedarfsgemeinschaften – Familien, unverheiratete Paare oder Einzelpersonen, die einen eigenen Haushalt führen. Diese Zahl ist im Lauf des Jahres kontinuierlich gestiegen. 2004 waren noch 24 000 Bedarfsgemeinschaften für ganz Frankfurt prognostiziert worden. Wegen der unerwartet hohen Zahl an «Kunden» hat das Jobcenter noch nicht genügend Personal. 399 Planstellen seien ursprünglich vorgesehen gewesen, sagte Standhaft. Dann sei die Mitarbeiterzahl auf 570 erhöht worden, im Lauf dieses Jahres sollen es 630 werden. Allerdings sei es nicht so einfach, qualifiziertes Personal zu bekommen. Das Jobcenter will 50 Auszubildende der Stadt übernehmen. Zudem sollen Mitarbeiter verschiedener städtischer Ämter in die GmbH wechseln. Es seien aber nicht alle geeignet. Darüber hinaus seien auch Einstellungen Externer möglich. Übergangsweise behelfe man sich mit Zeitarbeitsfirmen. Es sei schwierig, die künftigen Fallzahlen und damit die benötigte Personalstärke vorherzusagen. «Wir sollten nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel Mitarbeiter haben.» Yanki Pürsün (FDP) kritisierte, dass das Jobcenter das Personalbudget nicht ausgeschöpft und noch nicht über genügend «Persönliche Ansprechpartner» für die Langzeitarbeitslosen verfüge. «Man vergeht sich an den Zukunftschancen dieser Menschen», sagte er.

2005 vezeichnete das Jobcenter 18 374 «Abgänge aus Arbeitslosigkeit». Davon konnten aber nur 5560 in einen regulären Job vermittelt werden. Der Rest bezieht Rente, begann eine Ausbildung oder wurde in eine Fördermaßnahme (Weiterbildung, Ein-Euro-Job) gesteckt. Die Vermittlungsquote von 4,3 Prozent hält Standhaft im landesweiten Vergleich nicht für schlecht. «Aber in diesem Jahr wollen wir besser werden.» Es gebe in Frankfurt 800 bis 1000 Langzeitarbeitslose, die nicht vermittelbar seien. «Da können wir uns noch so anstrengen.» Pro Monat verzeichnet das Jobcenter 200 bis 300 Neuzugänge, die aus dem Arbeitslosengeld I und damit aus der Betreuung durch die Arbeitsagentur herausfallen.

In diesem Jahr legt das Jobcenter den Schwerpunkt auf Qualifizierung (zwei Drittel der Kunden haben keine Ausbildung) sowie spezielle Angebote für Jugendliche, über 50-Jährige und Migranten. Hoffnungen setzt Standhaft in die Fußball-WM. Bei den zusätzlichen Jobs (Sicherheitsdienste, Gastronomie) könnte der eine oder andere Langzeitarbeitslose «kleben bleiben», meint er.