17.09.2011

Neue Steine schlucken Feinstaub 4 Kommentare

Auf der Kurt-Schumacher-Straße wird ein Pflaster verlegt, das schädliche Stickstoffoxide in harmlose Nitrate zerlegt

In Frankfurt soll jetzt nicht nur die Umweltzone für besseres Klima sorgen, sondern auch neue Pflastersteine, die Stickstoffoxide abbauen. Die Leiterin des Straßenbauamtes, Gabriele Dehmer, verlegte die ersten Steine gestern höchstpersönlich.

Noch ist es ein Experiment. Auf der Kurt-Schumacher-Straße will die Stadt die neuen Steine, die den Weg ebnen und zugleich die Luft reinigen, ausprobieren. In den nächsten Wochen werden sie verlegt.

"Wir haben die Kurt-Schumacher-Straße als Teststrecke ausgesucht, weil sie alle Voraussetzungen erfüllt", erklärte gestern Gabriele Dehmer, Leiterin des Amtes für Straßenbau und Erschließung. Das Wichtigste: Die Schumacher Straße verläuft in Nord-Süd-Richtung, damit erreicht sie viel Sonnenschein. Zudem ist die Verkehrsachse mit über 24 000 Kraftfahrzeugen pro Tag eine der meist befahrenen Straßen der Stadt.

Der Sonnenschein ist wichtig, weil es erst das darin enthaltene UV-Licht möglich macht, dass die 40 mal 40 Zentimeter großen, grauen Pflastersteine die schädlichen Stickstoffoxide zersetzen können.

Das funktioniert so: Auf dem neuen Pflaster spielt sich der völlig natürliche Vorgang der Photokatalyse ab, also die Zersetzung von Luftschadstoffen durch Lichteinstrahlung. Die neuen Steine beschleunigen sie allerdings erheblich. Möglich macht das der Spezialzement TioCem, der in dem Vorsatz der Pflastersteine enthalten ist, außerdem steckt noch Titandioxid in den Steinen, das als Photokatalysator wirkt. Es treibt unter Einfluss von Sonnenlicht die Geschwindigkeit der Oxidation der schädlichen Stickoxide, die aus den Auspuffen der Autos geblasen werden, kräftig voran. Am Ende werden die Stickstoffoxide aufgespalten, als Restprodukt bleibt wasserlösliches Nitrat (NO3-), das vom Regenwasser in die Kanalisation gespült wird.

Sonne hilft

Je mehr die Sonne scheint, desto sauberer wird in Zukunft die Luft auf der Schumacher-Straße sein. Bei maximaler Sonnenscheindauer entfalten photokatalytisch aktive Pflaster ihre höchste Wirksamkeit – im besten Fall verschwinden bis zu 60 Prozent der Schadstoffe. Effektiv ist das Pflaster also gerade im Sommer, wenn die Gefahr einer hohen Ozonbelastung besonders groß ist und in der Stadt häufig die von der EU vorgeschriebenen Schadstoff-Grenzwerte überschritten werden. Aber auch bei Bewölkung oder in der Dämmerung kommt der Prozess nicht zum Erliegen.

Eine Besonderheit des neuen Pflasters ist, dass sich das Titandioxid als Katalysator nicht verbraucht und daher die Wirksamkeit der luftsäubernden Oberflächen so lange erhalten bleibt, so lange die Steine auf der Straße liegen.

So verspricht es der Hersteller. Ob‘s klappt, soll die Teststrecke in der City zeigen. 5000 Quadratmeter Gehweg werden mit dem neuen Pflaster verlegt und sollen auch unter Beobachtung des Umweltamtes ihre Wirksamkeit gegen die Stickoxide beweisen. Geplant sind auch weitere Langzeituntersuchungen, die auf dem Hersteller für die weitere Verbreitung seiner Super-Steine helfen können.

Premiere 2007

2007 hat die Pfälzer Steinmanufaktur Lithonplus GmbH & Co. KG diese auf den Markt gebracht. An etlichen Orten wurden sie seitdem getestet.

"Bisher haben andere Städte wie beispielsweise Erfurt oder Fulda erste Erfahrungen gemacht", erklärte Dehmer. Für die Entscheidung der Frankfurter für oder gegen das neue Material sei aber nicht nur wichtig, dass die neuen Platten Stickoxide abbauen. Sie müssten selbstverständlich auch genauso lange haltbar sein wie konventionelles Pflaster. Für den Frankfurter Versuch wurden die Gehwegplatten vom Hersteller zum gleichen Preis geliefert wie vergleichbare ohne die Filterwirkung. Sollte sich die Stadt entscheiden, sie in Zukunft auch an anderer Stelle und in größerer Menge zu verbauen, wird es teurer: Die Wunderplatten kosten drei bis fünf Euro pro Quadratmeter mehr als herkömmliche Gehwegplatten.wyg (wyg)

Artikel vom 16. September 2011, 20.50 Uhr (letzte Änderung 17. September 2011, 04.25 Uhr)

 

Kommentare

Karl-Heinz Steiner schrieb am 17.09.2011 10:42 Uhr

Erfahrungen

Leider befindet sich die Testfläche nicht im Bereich einer der kontinuierlichen Luftmessstationen. Daher dürfte die Beurteilung der Wirkung auf die Luftqualität am Einbauort schwierig sein. In Anbetracht der tages- und jshreszeitlich stark schwankenden NOX-Konzentrationen ist eine Beurteilung, nur über Einzelmessungen, vermutlich recht schwierig. Hoffen wir, dass nach einem Jahr Einbauzeit ein Resumee des Projektes erfolgt und auch veröffentlicht wird. Interessant wäre natürlich, ob man durch Einsatz einer derartigen Pflasterung auf den Gehwegen im Bereich der Friedberger Landstrasse dort die Grenzwerte für NOX sicher einhalten könnte.

A B schrieb am 17.09.2011 10:47 Uhr

Überschrift

"Schlucken Feinstaub" ist wohl etwas falsch getitelt, richtig wäre "Bauen NOX ab"

Gast44 Gast44 schrieb am 17.09.2011 14:02 Uhr

Feinstaub-Steine

Das wird aber eine Holperstrecke wenn dieses "Pflastersteine" nicht richtig verlegt werden!! Spätestens nach einem Jahr wird sann alles zubetoniert oder mit Asphalt übergossen! Wetten??

Karl-Heinz Steiner schrieb am 17.09.2011 20:27 Uhr

Beschichtete Lärmschutzwände

Interessanterweise plant man bereits einen Pilotversuch mit ähnlich beschichteten Lärmschutzwänden. Für einen zweiten Pilotversuche wären insbesondere die in Frankfurt geplanten Lärmschutzwände im Bereich des Riederwaldtunnels geeignet. Vielleicht ein Ansatz die, voraussichtlich nicht mehr zumutbare, NOX-Belastung im Bereich des Dreieckes Erlenbruch zu reduieren. Vielleicht findet sich ein politisch Verantwortlicher der Stadt Frankfurt, der die Autobahnbauer mit dieser Forderung konfrontiert.
Anbei die Pressemitteilung der BASt zum Pilotprojekt:
Pilotprojekt zur Schadstoffreduzierung
08.03.2011, Nr.: 04/2011
Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) startet an der Autobahn A1 nördlich von Osnabrück in Zusammenarbeit mit der niedersächsischen Straßenbauverwaltung ein Pilotprojekt, um schädliche Stickoxide zu reduzieren. Stickoxide entstehen vor allem bei motorischen Verbrennungsprozessen. Durch moderne Abgasnachbehandlungssysteme in Fahrzeugen konnten die Stickoxid-Gesamtemissionen des Verkehrs in den letzten 25 Jahren zwar deutlich gesenkt werden, dennoch gilt der Straßenverkehr weiterhin als ein wesentlicher Verursacher.
An der Autobahn A1 wird im Rahmen eines Pilotprojekts der Bundesanstalt für Straßenwesen in Zusammenarbeit mit der niedersächsischen Straßenbauverwaltung eine Beton-Lärmschutzwand mit Titandioxid beschichtet, um schädliche Stickoxide zu reduzieren
Ein rund ein Kilometer langes Teilstück einer Beton-Lärmschutzwand wird hierzu mit Titandioxid beschichtet. Stickoxide können mit Titandioxid durch eine chemische Reaktion - die Photokatalyse - vermindert werden. Erste Untersuchungen zur Wirksamkeit waren unter Laborbedingungen sehr erfolgversprechend. Im Rahmen des Pilotprojekts soll die Schadstoffkonzentration über einen mindestens zwei Jahre langen Versuchszeitraum mit der an einem benachbarten Standort ohne Beschichtung verglichen werden, um die Wirksamkeit der präparierten Oberfläche nachzuweisen.
Umfangreiche Studien zu Schadstoffabbau sowie bautechnischen Fragestellungen werden das Projekt begleiten. Darin werden der Einfluss des Titandioxids auf die beschichteten Baustoffe untersucht sowie Lösungsansätze zur Anwendung in der Fahrbahnoberfläche verfolgt. Ebenso beobachten die Fachleute der BASt die Umwandlungs- und Abbauprodukte des Prozesses, um sicherzustellen, dass durch die Reaktion keine schädlichen Nebenwirkungen auftreten.