01.12.2009 02:50 Uhr Lokales Frankfurt Niederrad

In Niederrad fehlen Geschäfte und Ärzte

Vor allem die Senioren sind unzufrieden mit der schlechten Infrastruktur in Niederrad, sie fordern Konsequenzen von der Politik.

Niederrad. Das Leben südwestlich des Mains könnte so schön sein: Der Fluss liegt fast vor der Haustür, ebenso der Spaziergang im Stadtwald. Doch vor allem ältere Niederräder schlagen sich mit ganz alltäglichen Sorgen herum: Immer mehr Ärzte ziehen aus dem Stadtteil weg, zu Fuß zum Einkaufen ist fast unmöglich. «Und ein schönes Lesecafé wäre für uns Senioren einfach nur Klasse», verkündete der frühere Pfarrer der Paul-Gerhardt-Gemeinde Rüdiger Stockenberg mit theatralischer Begeisterung.

Theater spielte die Seniorengruppe «Die Alternaiven» tatsächlich, um zum fünften Niederräder Bürgerforum die trockenen und eher traurigen Zahlen mit Wünschen und Emotionen zu unterstreichen. Emotionen, die die rund 60 Zuhörer der Initiative «Älter werden in Niederrad» zu einer angeregten Diskussion anspornten. Die Zahlen einer kürzlich durchgeführten Befragung sprechen für sich: «Mindestens 53 von 90 befragten Senioren vermissen Einkaufsmöglichkeiten in der Umgebung. 56 ältere Personen brauchen einen gut erreichbaren Haus- oder Facharzt. 33 Personen wünschen sich zudem Briefkästen in der Nähe ihres Zuhauses», referierte Norbert Hofmann, Sprecher der Initiative. «Und der Weg zum nächsten Markt ist oft so weit, dass ein Lieferdienst die Kartoffeln nach Hause bringen müsste», kritisierten die «Alternaiven».

Lobby selbst aufbauen



«Rund 7000 der derzeit 22 000 Niederräder sind 50 Jahre und älter», stellte die zweite Sprecherin Ingrid Iwanowksy fest. Doch es sei sehr schwer, bei Ärzten, Geschäftsinhabern und auch Hausbesitzern an ihre soziale Verantwortung zu appellieren. «Niederrad wird oft vernachlässigt. Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen und müssen uns die politische Lobby selbst aufbauen, die das größere Sachsenhausen schon hat», wandte eine Zuhörerin ein.

Der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Niederräder Geschäftsleute Manfred Schulz relativierte die Zahlen und Angaben: «Hier und anderswo werden die Entwicklungen auch vom Markt und den ökonomischen Zwängen diktiert.» So führten fehlende Privatpatienten und der wachsende Verwaltungsaufwand zum Zusammenschluss von Arztpraxen in Innenstadtnähe. Was auch die zuständigen Ämter nicht verhindern könnten. «Die Hauseigentümer wohnen gar außerhalb von Frankfurt und interessieren sich nicht für die Entwicklung in den Stadtteilen.» Sie wären auf lukrative Mieten aus, die die Chefs von gesichtslosen Filialbetrieben eher zahlen könnten als kleinere Geschäftsinhaber aus dem Stadtteil.

Spazierdienst für Senioren



Doch es geht auch anders, wie Beispiele aus der Adolf-Miersch-Siedlung zeigen. Auch ein Quartier, das von Geschäftsleuten nicht bevorzugt wird. Dafür engagiert sich dort die Nassauische Heimstätte. «Wir passen den Wohnkomfort aus den 60er Jahren schrittweise an die Bedürfnisse langjähriger Mieter an. Zudem bemühen wir uns um Bedarfsangebote», so Tanja Steinke vom Management der Nassauischen Heimstätte. So gibt es etwa einen «Spazierdienst», der Senioren auch an weiter entfernte Standorte begleitet. Über das Gremium der Stadtteilplanungskonferenz setzen sich die Niederräder Politiker dafür ein, dass in der Miersch-Siedlung und in anderen Quartieren zusätzliche Briefkästen im Abstand von 1000 Metern aufgestellt werden. Schließlich will die Initiative «Gewagt wohnen» schon bald ein generationsübergreifendes Wohnprojekt umsetzen. Angedacht ist dafür ein Haus in der Triftstraße.

«Wir bemühen uns zudem, dass die Busse fahrplangerecht die wichtigen Standorte im Stadtteil so anfahren, dass auch gehbehinderte Senioren dort ein- und aussteigen können», bekräftigte der FDP-Stadtverordnete Yanki Pürsün. got


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