01.12.2007
Ein Tisch, ein Thema: Härtetest für Politiker
Von Stefanie Bernhard

Nied. Es ist noch lange nicht alles gesagt. Und das, was gesagt ist, will Alfons Gerling (CDU) so nicht stehen lassen. Er streitet sich gerade vortrefflich mit Dieter Hooge (Linke) über Armutsbekämpfung. Doch Gerlings Zeit ist abgelaufen. François Ameloot hat schon vor zwei Minuten in die Hände geklatscht. Freundlich, aber bestimmt, komplimentiert er nun den CDU-Landtagsabgeordneten zum nächsten Tisch.

Dort wartet Thomas Diekmann, Vorsitzender der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) Rhein-Main, auf Gerling. Diekmann lebt in Hochheim und hält nicht viel vom Flughafenausbau. „Ich bin ein Befürworter des Flughafenausbaus“, erwidert Gerling und beginnt zu erläutern, wieso. Die Uhr tickt. Jeweils 20 Minuten haben die Politiker beim so genannten Tischparlament Zeit, um mit Bürgern über Umweltpolitik und Integration zu diskutieren, mit ihren Ansichten zu Arbeitsmarkt- und Familienpolitik, Armutsbekämpfung und Bildung vielleicht zu überzeugen. Dann geht es weiter zum nächsten Tisch und zum nächsten Thema.

Eingeladen zu der Veranstaltung hatten François Ameloot von der KAB und Gunter Volz von der Pfarrstelle für Gesellschaftliche Verantwortung des evangelischen Dekanats. An die Tische hatten sie die Christdemokraten Alfons Gerling, Bernadette Weyland und Matthias Zimmer, von der SPD Petra Tursky-Hartmann und Roger Podstatny, die Grünen Sarah Sorge und Martina Feldmayer, Yanki Pürsün und Hans-Christian Mick (beide FDP) sowie die Linken Dieter Hooge und Wiltrud Pohl. Die Fragen an diesem Abend stellten die Bürger, die sich am Anfang für ein Thema entschieden und dann nach und nach den Politikern einzeln auf den Zahn fühlten.

„Der Flughafenausbau ist wichtig, weil er Arbeitsplätze schafft“, wirbt Gerling. Zur selben Zeit sitzt ein paar Meter weiter Roger Podstatny und knabbert an einer Brezel, während Martina Feldmayer erläutert, wie die Grünen ihre Vorstellungen von Bildungspolitik finanzieren wollen. Zusammenfassen lässt sich das so: an allen anderen Dingen sparen. Dazu hat auch Podstatny einen Vorschlag beizutragen. Die CDU-Landesregierung wolle ein Computersystem einführen namens SAP, eine Software, die sonst nur Wirtschaftsunternehmen verwendeten. „Das kostet Millionen“, schimpft Podstatny. Die würde die SPD sinnvoller investieren. . .

Unterdessen philosophiert Yanki Pürsün (FDP) am Integrations-Tisch: „Man muss aufeinander zugehen, mehr miteinander statt übereinander reden.“ Zu seiner Linken hat es sich Wiltrud Pohl auf einem Hocker bequem gemacht. Es ist ihr Thema, über das sie hier reden. Integration – wer hat dazu mehr zu sagen als sie, die Frau, die zahlreiche Familien vor der Abschiebung bewahrt hat? Zu Wort aber kommt Pohl nicht. Stattdessen sagt Sarah Sorge, sie glaube, der Schlüssel zur Integration sei die Bildung. Viele Migranten hätten aufgegeben. „Sie fragen, was soll ich mich da anstrengen? Ich finde ja sowieso keine Lehrstelle“, so ihr Eindruck.

Dann, irgendwann, ist der Moment der Wiltrud Pohl gekommen. Sie erzählt, von ihrem Kampf gegen die Abschiebung, von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. Die Probleme seien schleichend gekommen. Je stärker die Arbeitslosigkeit stieg, umso größer seien die Vorbehalte gegenüber Migranten geworden. „Mittlerweile müssen wir in Frankfurt schon Angst haben vor den Rechten“, sagt Pohl.

„In Frankfurt-Oder vielleicht“, schnauft Pürsün. Er weiß nichts von dem Hakenkreuz, das sie Wiltrud Pohl vor kurzem auf den Klingelknopf geschmiert haben und von den rechtsradikalen Liedern, die sie ihr am Telefon vorspielen. Pohl erwähnt es auch nicht. Sie hat diese Diskussion ohnehin schon gewonnen. Und es dauert auch nicht lange, bis Ameloot in die Hände klatscht. Der nächste Tisch wartet schon . . .