07.06.2005
Beratung startet wieder durch
Von Christiane Weiß

Sachsenhausen. Seit rund 40 Jahren gibt es die Kinder-, Jugend- und Elternberatung in Sachsenhausen. Im vergangenen Jahr drohte der Einrichtung die Schließung, weil das Land Hessen die Zuschüsse für die Erziehungsberatung gestrichen hat (wir berichteten). Bürger, Eltern und Politiker gingen auf die Barrikaden und kämpften für den Erhalt. Im Dezember entschied dann das Stadtparlament, dass Rat Suchende aus Sachsenhausen und Oberrad auch künftig in der Metzlerstraße 34 eine Anlaufstelle finden.

Die Einsparungen in Höhe von 300 000 Euro, die sich die Stadt von einer Schließung erhofft hatte, sollen nun auf anderem Wege umgesetzt werden. «Im Zuge einer Neukonzeptionierung muss grundsätzlich geklärt werden, welche Erziehungsberatung sich die Stadt leisten will und kann», sagt Geschäftsbereichsleiter Dieter Kieweg. Einsparungen seien an vernetzten Aktivitäten denkbar, beispielsweise in der Beratung an Schulen. In den kommenden Monaten wird sich ein Gremium damit beschäftigen, welche Chancen eine neue Struktur für die Erziehungsberatung bringt und auf was verzichtet werden muss.

In Sachsenhausen geht nun erst einmal alles weiter seinen gewohnten Gang. Erstmals gewährte die Einrichtung jetzt bei einem Tag der offenen Tür der Öffentlichkeit und dem benachbarten Fachpublikum Einblicke in die tägliche Arbeit der Beraterinnen.

«Die Eintrittskarte für eine kostenlose Beratung ist ein Kind. Wir bieten aber nicht nur Beratung und Therapie für Eltern, Kinder und Jugendliche an, sondern auch für Fachkräfte auf pädagogischen und sozialen Gebieten», erklärt Dorothea von Mutius, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Sechs bis acht telefonische oder persönliche Neuanmeldungen gehen wöchentlich in der Beratungsstelle ein. Innerhalb von 14 Tagen steht dann eine Beraterin für ein Gespräch zur Verfügung: «Oft reicht den Betroffenen schon diese Gewissheit, dass in absehbarer Zeit jemand zuhört.» Die Hoffnung auf eine positive Veränderung gebe vielen wieder Kraft und Mut.

Zunächst einmal können Eltern und Kinder alle ihre Sorgen, Erwartungen und Befürchtungen los werden. Die Beratung soll helfen, Zusammenhänge und Hintergründe des Problems zu verstehen, damit die geeignete Hilfe gewährt werden kann. «In allen Fällen betrachten wir es als unsere wichtigste Aufgabe, die Eltern durch Erkenntnis- und Entwicklungsprozesse zu stärken und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.» Dafür reiche manchmal sogar ein einziges Gespräch. Geklärt werden muss zunächst: Wo fällt das Kind auf? Wo kommt es her? Womit werden Eltern oder Kinder nicht fertig? In den meisten Fällen sind jedoch zwischen fünf und 15 Beratungen im Abstand von acht oder 14 Tagen notwendig bis ein Lösungsweg gefunden ist.

Die Anregungen für einen Besuch in der Beratungsstelle stammen dabei meistens aus dem sozialen Umfeld: von Horten, Kindergärten oder Schulen. Ein Drittel der Rat Suchenden kommt aber aus Eigenantrieb. Sie stoßen im Internet oder durch Empfehlungen auf die Einrichtung. Es ist heute durchaus nicht Ungewöhnliches mehr, sich bei Problemen in der Familie Rat von Außen zu holen. Selbstverständlich unterliegen die Beraterinnen der Schweigepflicht. Jugendliche stehen manchmal ganz unvermittelt vor der Tür: «Nicht selten kommt es vor, dass eine Freundin die andere einfach bei uns absetzt.»

Die Probleme seien sehr individuell. «Manchmal müssen Mütter nur für sich klären, wie lange sie ihr Kind schreien lassen dürfen. Mütter oder Großmütter spielen bei solchen Fragen heute oft keine Rolle mehr», weiß Frau von Mutius. Erzieherische Vorgaben seien heute oft weicher. Jeder müsse selbst den richtigen Weg für sich finden.

Oder mit dem Schuleintritt kommen neue Belastungen auf die Familien zu: Eltern haben Angst vor einem schlechten Abschluss ihres Kindes und fürchten – mit einem sozialen Abstieg vor Augen – eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Versagen. Hier könne schon ein klärendes Gespräch Wunder wirken. Bei Entwicklungs- und Teilleistungsstörungen wie etwa Legasthenie bietet die Einrichtung aber auch die Möglichkeit zu einer Therapie.

Weitere Infos gibt es unter der Rufnummer 2 12-3 51 26.