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10.03.2011

Hochhäuser sind besser als ihr Ruf

Yanki Pürsün auf der Straße vor seiner neuen Heimstätte „Im Mainfeld“– und in seiner Wohnung bei der Lektüre einer Biographie über Ignatz Bubis (kl. Foto). Fotos: Weis Yanki Pürsün auf der Straße vor seiner neuen Heimstätte «Im Mainfeld»– und in seiner Wohnung bei der Lektüre einer Biographie über Ignatz Bubis (kl. Foto). Fotos: Weis

Von Thomas J. Schmidt

Als «1a-Adresse» würde man die Hochhäuser «Im Mainfeld» sicher nicht bezeichnen. Zehn von ihnen stehen im Norden Niederrads. So hat man in den 60er und 70er Jahren gebaut. Wohntürme wie Burgen, wie Termitenhügel aus Waschbeton. Sieben davon gehören der ABG-Tochter Wohnheim. Hier sind hauptsächlich Sozialwohnungen untergebracht. Jeder Turm mit mehr als 100 Wohnungen, da bleiben Konflikte nicht aus. Die Siedlung Mainfeld gilt als anonym, als in Teilen gefährlich. Doch es gibt drei Hochhäuser mit Eigentumswohnungen. Wohnungen, die tatsächlich begehrt sind. Relativ günstig im Preis für Wohneigentum in Frankfurt. Wer eine hat, gibt sie nicht wieder her.

So will auch Yanki Pürsün (38) im Mainfeld bleiben. Der Stadtverordnete hat in eine Erdgeschosswohnung investiert, Hausnummer 23. Die Wände sind frisch mit Raufaser tapeziert. Noch hängt kein Bild daran. Ihr Weiß ist fast erschreckend. Auf dem Parkettboden liegen große Pakete. «Das sind Schränke und Tische», verrät der Hausherr Yanki Pürsün. «Die muss ich noch zusammenbauen.»

Ihre neue Wohnung haben der Lufthansa-Mitarbeiter und seine Frau selbst renoviert. Jetzt wird langsam Raum für Raum der Dreizimmerwohnung bezogen. Der Geschmack: Einfach, aber nicht armselig. Praktisch, nicht protzig.

Und wie immer, wenn umgezogen wird, liegt der Hauch des Neuen und Unverbrauchten in der Luft. Auch bei Pürsüns.

Dabei ist es gar keine neue Wohnung für den Frankfurter Stadtverordneten. Er hat hier schon als Baby gewohnt. Er ist in dieser Wohnung aufgewachsen. Niederrad, Mainfeld 23, im Erdgeschoss auf 82 Quadratmetern: «Meine Eltern hatten diese Wohnung gekauft», berichtet Pürsün. «Ich kenne das Viertel, ich habe fast immer hier gewohnt. Ich mag es.» Darum auch sein Entschluss: Als seine Eltern kürzlich eine andere Wohnung gekauft haben, ist der Sohn als Nach-Eigentümer in seine Kindheitswohnung eingezogen.

Es ist ein Hochhaus. Im Mainfeld – eine Siedlung, die in den 70er Jahren eingerichtet wurde – in erster Linie, damit Mitarbeiter der Lufthansa es nicht so weit haben zum Flughafen. Drei Häusern mit Eigentumswohnungen und einem mit Senioren stehen sechs mit Sozialwohnungen gegenüber.

Konflikte überschaubarer



«Konflikte gibt es dennoch nicht mehr als anderswo, wo viele Menschen wohnen», sagt Pürsün. «Das hat nichts damit zu tun, dass es hier Hochhäuser sind.» Was das Mainfeld angehe, sei die Bevölkerung hier viel besser gemischt als in anderen Siedlungen. Es gibt arme und reiche, junge und alte, Deutsche und Migranten. Pürsün, der mit seinen Eltern 1972 als Baby ins Erdgeschoss gezogen ist, hat «nie Krach gehabt hier». Nur einmal, in den 80ern, hätten Besucher eines Nachbarn, stark angetrunken, an ihre Tür gerüttelt, weil sie diese mit der des Nachbarn verwechselt hätten. Die Eltern haben daraufhin Sicherheitsschlösser anbringen lassen.

«Ich bin nicht der Anwalt des Mainfelds. Aber es ist besser als sein Ruf», sagt Pürsün. Vor allem ist er Fan von Hochhäusern. «Hier gibt es alles auf kleinem Raum. Es gibt einen Aufzug. Es gibt einen Hausmeister, der den Schnee räumt und beim Umbauen hilft. Viele Mietparteien teilen sich die Kosten des Hausmeisters. Es gibt Tiefgaragenplätze. Ich muss nie einen Parkplatz suchen. »

Wer will, kann anonym leben, bei 19 Stockwerken vielleicht etwas leichter als in einer «normalen» Wohnstraße. Aber auch dort gebe es Menschen, die den Nachbarn unbekannt geblieben sind.

«Man muss aber nicht anonym bleiben und es ist falsch und ein Vorurteil zu denken, dass es in Hochhäusern anonymer sei als anderswo», sagt Pürsün. So kenne er die Nachbarn auf seiner Etage seit seiner Kindheit. Bessere Nachbarschaft sei nicht möglich. «Die meisten Eigentümer wohnen selbst hier. Sie ziehen nicht aus», sagt Pürsün. Daher kommt es, dass man sich oft über Jahrzehnte kennt, füreinander Pakete annimmt und sich hilft.

Ein wenig Pech für Pürsün



Es ist bequem, praktisch und sozial in den Häusern. Wer das Glück hat, oben zu wohnen, hat noch dazu eine tolle Aussicht auf Frankfurt. In dieser Hinsicht hat Pürsün Pech.

«Meine Eltern hatten damals als junge Familie nicht so viel Geld. Im Erdgeschoss lagen die günstigsten Wohnungen», sagt der Stadtverordnete. Günstig ist es im Mainfeld noch immer – jedenfalls im Verhältnis zu anderen Eigentumsanlagen. 1600 Euro kostet der Quadratmeter. Das heißt nicht, dass sie nicht begehrt sind. «Wenn eine der Wohnungen frei wird, gibt es meist eine lange Liste von Interessenten, die einziehen wollen», berichtet Pürsün.

Die Wohnlage ist zentral: «Man ist in zehn Minuten an der S-Bahn und in weiteren zehn Minuten am Flughafen oder am Hauptbahnhof», sagt Pürsün. Mit dem Auto dauert es nur 15 Minuten. Doch man kann sich auch im Stadtteil versorgen. Geschäfte sind nicht weit, der Main mit einigen Freizeitmöglichkeiten vor der Tür.

«Ich wohne gern hier», bilanziert Yanki Pürsün. Ein paar Jahre hat er im alten Kern Niederrads gewohnt. Es sah lauschiger aus. Doch war es auch nicht besser als hier draußen, im Mainfeld, direkt am Main.